Tagesbild 1018

180610-0931
Im Sauerländischen Gebirge erhebt sich in der Mitte dichtbewaldeter Anhöhen der Müssenberg, eine Felsenkuppe von ziemlich bedeutender Höhe, welche auf ihrem Gipfel eine nur geringe Erdschicht besitzt, so daß dort der Baumwuchs etwas kümmerlich ist. Die umliegenden Höhen, die sich an den Hauptberg anlehnen, sind durch mehr oder minder tiefe Schluchten voneinander getrennt, welche von kleinen Wässerlein durchflossen werden und hier und da einen sumpfigen Boden haben. Die nach Südosten vorgelagerte Höhe endigt in einer jäh ins Thal abstürzenden Felsenwand, an deren Fuße ein kleiner Fluß über Klippen und Steinblöcke dahinrauscht. Jener Felsen heißt der Bilstein.In diesem von keiner Menschenseele bewohnten Bergrevier trieb in alten Zeiten ein Berggeist sein Wesen, von dessen Macht und Walten die klugen Leute, die jetzt in der Umgegend wohnen, nichts mehr wissen. Der Alte vom Müssenberge – so wurde der Berggeist genannt – hatte seine Wohnung im Innern des Müssenberges. Der Eingang dazu befand sich in dem Bilsteine; doch war gewöhnlich nichts davon zu sehen, und nur auf Geheiß des Bewohners öffnete sich die Wand, und man konnte dann in einen hohen, erleuchteten Gang hineinsehen. Dieser zog sich in mancherlei Windungen und Verzweigungen durch den ganzen Berg und führte zu zahllosen Grotten, Hallen, Kammern und Sälen. Alle diese Räume glitzerten in zauberhafter Pracht und waren mit Schätzen der Natur und der Kunst angefüllt. Dieses Reich beherrschte der Alte vom Müssenberge mit unbeschränkter Gewalt. Tausende von Erdgeistern geringeren Grades waren ihm unterthänig sie sammelten, earbeiteten und ordneten die Kostbarkeiten, welche der Schoß des Berges in seiner Tiefe barg. Kamen sie auf die Oberfläche der Erde, so erschienen sie den Menschen zuweilen in Gestalt von Zwerglein, Vögeln oder auch als hüpfende Flämmchen. Dem Beherrscher dieses Geistergeschlechtes selbst hatte noch selten einer genau ins Gesicht gesehen. Er war von riesenhafter Gestalt und ganz in einen wallenden grauen Mantel gehüllt, dessen Kapuze auch den Kopf und das Gesicht verdeckte. Nur das lange Haar und der lange graue Bart flatterten darunter hervor. So sah ihn zuweilen ein nächtlicher Wanderer auf dem Bilsteine sitzen oder durch die Büsche streifen. Die Leute fürchteten sich nicht sonderlich vor ihm; denn sie wußten, daß er im Grunde den Menschen wohlgesonnen war, den Bedrängten gerne Wohltaten erwies und nur einem hartgesottenen Bösewichte hier und da einen Schabernack spielte, der diesem dann allerdings teuer zu stehen kam. (Quelle)
plog - Fr, 18. Jun, 20:50
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