Über dieses Bild habe ich viel nachgedacht. So "veraltet" habe ich die Ästhetik der Nierentisch-Ära nie empfunden. Scheint mir als Laiin jedenfalls viel näher an der Moderne zu sein als manch später entstandener Gelsenkirchener Barock.
Als Kind mochte ich diesen Stil sehr. Ich mag ihn eigentlich immer noch, wobei ich heute durchaus auch das "biedermeierliche" daran erkenne. Eine ganze Wohnung so eingerichtet würde ich daher nicht wollen, nicht einmal ein Zimmer.
In meinem Elternhaus gab es all dies allerdings nur noch vereinzelt. Damals kamen hellere Farben auf, alles - auch die Anrichten, die dann auf Beinen standen anstatt en bloc auf dem Boden zu ruhen - wurde noch leichter.
Geblieben war beispielsweise eine Vase wie die auf dem Tisch, aus Kupfer, ein Verlobungsgeschenk für meine Eltern. Oder ein Tablett, auf dem passgenau verschieden rechteckige und quadratische Porzellanschälchen angeordnet waren, bunt, für Knabbereien.
Diese auf dieselbe Art bunte Römer-Sammlung in ihrer Halterung
gab es in unserem Geschirrschrank ebenfalls, mit sechs Gläsern. Als Drei- oder Vierjährige hatte ich mehrmals diesen Geschirrschrank ausgeräumt, d.h. ich hatte dessen kompletten Inhalt gaaaaaanz vorsichtig auf dem Sofa platziert. Beim Zurückräumen hatte ich wohl einmal den Halter mit den Römern zu heftig auf das Bord aufgesetzt. Ergebnis: alle Glasfüße waren abgebrochen (ich glaube, es hat sehr lange gedauert, bis das überhaupt bemerkt wurde, und ich glaube, niemand hatte meine Aus- und Einräumaktionen je bemerkt).
Auf meinem Dachboden befinden sich:
eine zweiflammige Wand-Tütenlampe
eine tütenlampenähnliche Stehlampe
eine Gardine im Stil der hier gezeigten sowie
etwas Stoff im selben Stil
Der Bettbezug aus ähnlichem Stoff mitsamt der wunderbaren dicken handgenähten Bettdecke darin ist leider bei einem meiner Umzüge auf der Strecke geblieben.
Aber solche Cocktail-Sessel wie in der Ausstellung habe ich auch, in der Wohnung, sogar mit Armlehnen:
Das sind Gesellenstücke meines Vaters, die mir zwar schon so manches Mal im Weg herumgestanden sind, die ich aber nach Möglichkeit nicht hergeben möchte.
einen tisch, so ähnlich wie der auf dem bild, gab es wenn ich mich richtig erinnere, bei den großeltern auf beiden seiten. zum ausziehen und - als besonderer spaß für mich - zum hoch- und runterkurbeln. auch einen schrank in dem stil und so eine uhr (wohl auch die sessel). bei vaters eltern hat sich daran nie etwas geändert. bei den anderen großeltern war diese einrichtung - schon so lange ich mich zurück erinnere - in ein nebenzimmer verbannt und die anderen räume "aktueller" eingerichtet. bei ihrem letzten umzug sind die gegenstände dann vollständig verschwunden. nur das radio blieb übrig und befindet sich bis heute bei mir. bei meinen eltern hab ich nur so eine vase wie die mitten auf dem tisch gesehen.
Ah - ja, da erinnerst du mich an etwas. Den von dir beschriebenen Tisch kenne ich auch. Allerdings stand der nur bei meinen Großeltern väterlicherseits, wie auch das ganze sonstige Ausstellungsmobiliar. Meine Großeltern mütterlicherseits hatten einen anderen Einrichtungsstil. Nicht 'aktueller' wie in deiner Familie, sondern 'proletarischer', wie ich das bezeichnen würde - 'rustikaler' trifft es möglicherweise nicht ganz, denn damit verbindet sich heute ja eher nachgeahmt-folkloristisches. Das war es aber nicht.
In der modernisierten Version stand dieser Tisch auch bei meinen Eltern, als Schwedenmöbel-Couchtisch. Ich glaube, er war sogar auch zum Ausziehen.
Wo ich aber dreimal hinschauen musste, vor Überraschung, das ist dein Radio:
Du wirst es kaum glauben aber wir hatten von genau diesem die aktuellere Version. Es war noch flacher als deines (was wiederum bereits flacher ist als das Radio in der Ausstellung) und aus hellerem Holz. Die Lautsprecher (ja, stereo) waren rechts und links der Anzeige angeordnet, und statt der Textilverkleidung gab es jeweils eine Reihe senkrechter schmaler Schlitze im Gehäuse.
Unverwechselbar: die Noten neben den Höhen- und Tiefen-Reglern (mit Violin- bzw. Baßschlüssel davor), die Abmessungen bzw. Proportionen der Tasten, die vielen kleinen Fensterchen zum Anzeigen der Stationen, der Schriftzug "Melodie" und vor allem der Schriftzug "Graz".
Da sind ganz frühe Kindheitserinnerungen damit verbunden...
Den kleinen Sessel rechts habe ich heute nun doch zum Sperrmüll getragen. Tragen müssen. Das kam mir vor wie Vatermord, zumal mir der kleinere von der Form her eigentlich der liebere war. Leider war er auch der unpraktischere, in einem Stück kompakt gebaut.
Weil niemand ihn wollte. Nicht einmal die Leute, die kein Geld haben. Die bevorzugen nämlich ausladenenden Gelsenkirchener Barock, wie ein Blick in den örtlichen Gebrauchtmöbelladen für Leute ohne Geld ergab (und die Auskunft der Frau, die dort arbeitete an jenem Tag und das ebenfalls sehr bedauerte). Und weil ich selbst keinen Platz mehr dafür habe, weil mein "Handwerkszeug" mittlerweile eineinhalb Zimmer belegt. Es ist ja sehr nett, dass man das von der Steuer absetzen kann. Aber es schafft mir keinen weiteren Raum, den ich mal eben zumieten könnte.
Wahrscheinlich war es trotzdem die falsche Entscheidung.
Als Kind mochte ich diesen Stil sehr. Ich mag ihn eigentlich immer noch, wobei ich heute durchaus auch das "biedermeierliche" daran erkenne. Eine ganze Wohnung so eingerichtet würde ich daher nicht wollen, nicht einmal ein Zimmer.
In meinem Elternhaus gab es all dies allerdings nur noch vereinzelt. Damals kamen hellere Farben auf, alles - auch die Anrichten, die dann auf Beinen standen anstatt en bloc auf dem Boden zu ruhen - wurde noch leichter.
Geblieben war beispielsweise eine Vase wie die auf dem Tisch, aus Kupfer, ein Verlobungsgeschenk für meine Eltern. Oder ein Tablett, auf dem passgenau verschieden rechteckige und quadratische Porzellanschälchen angeordnet waren, bunt, für Knabbereien.
Diese auf dieselbe Art bunte Römer-Sammlung in ihrer Halterung
gab es in unserem Geschirrschrank ebenfalls, mit sechs Gläsern. Als Drei- oder Vierjährige hatte ich mehrmals diesen Geschirrschrank ausgeräumt, d.h. ich hatte dessen kompletten Inhalt gaaaaaanz vorsichtig auf dem Sofa platziert. Beim Zurückräumen hatte ich wohl einmal den Halter mit den Römern zu heftig auf das Bord aufgesetzt. Ergebnis: alle Glasfüße waren abgebrochen (ich glaube, es hat sehr lange gedauert, bis das überhaupt bemerkt wurde, und ich glaube, niemand hatte meine Aus- und Einräumaktionen je bemerkt).
Auf meinem Dachboden befinden sich:
Aber solche Cocktail-Sessel wie in der Ausstellung habe ich auch, in der Wohnung, sogar mit Armlehnen:
Das sind Gesellenstücke meines Vaters, die mir zwar schon so manches Mal im Weg herumgestanden sind, die ich aber nach Möglichkeit nicht hergeben möchte.
Tja, so ist das.
In der modernisierten Version stand dieser Tisch auch bei meinen Eltern, als Schwedenmöbel-Couchtisch. Ich glaube, er war sogar auch zum Ausziehen.
Wo ich aber dreimal hinschauen musste, vor Überraschung, das ist dein Radio:
Du wirst es kaum glauben aber wir hatten von genau diesem die aktuellere Version. Es war noch flacher als deines (was wiederum bereits flacher ist als das Radio in der Ausstellung) und aus hellerem Holz. Die Lautsprecher (ja, stereo) waren rechts und links der Anzeige angeordnet, und statt der Textilverkleidung gab es jeweils eine Reihe senkrechter schmaler Schlitze im Gehäuse.
Unverwechselbar: die Noten neben den Höhen- und Tiefen-Reglern (mit Violin- bzw. Baßschlüssel davor), die Abmessungen bzw. Proportionen der Tasten, die vielen kleinen Fensterchen zum Anzeigen der Stationen, der Schriftzug "Melodie" und vor allem der Schriftzug "Graz".
Da sind ganz frühe Kindheitserinnerungen damit verbunden...
Hm.
Weil niemand ihn wollte. Nicht einmal die Leute, die kein Geld haben. Die bevorzugen nämlich ausladenenden Gelsenkirchener Barock, wie ein Blick in den örtlichen Gebrauchtmöbelladen für Leute ohne Geld ergab (und die Auskunft der Frau, die dort arbeitete an jenem Tag und das ebenfalls sehr bedauerte). Und weil ich selbst keinen Platz mehr dafür habe, weil mein "Handwerkszeug" mittlerweile eineinhalb Zimmer belegt. Es ist ja sehr nett, dass man das von der Steuer absetzen kann. Aber es schafft mir keinen weiteren Raum, den ich mal eben zumieten könnte.
Wahrscheinlich war es trotzdem die falsche Entscheidung.